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Die zärtlichen Verwandten (1930)

Universum.

Die Verwandtschaft:
Denn so von Herzen hundsgemein
kann auf der ganzen Welt kein Fremder sein.
(Kurt Tucholsky.)

Sich zur Erholung, vielen zur Freude, hat Richard Oswald nach dem Dreyfus den Schwank von den zärtlichen Verwandten inszeniert.

Auf den triumphalen Erfolg des Dramas folgt das Gelächter. Es bersten die Wände, es biegt sich das Haus: so sehr freut sich das Publikum über die Abrechnung mit den Familien-Quälgeistern.

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Bei der Darstellung der Familien-Bande legt Oswald nachdrückliches Gewicht auf das zweite Wort. Was für eine Bande, durch der Autoren Friedmann-Frederich und Neubach Fügung; nicht durchweg verständlich. (Etwas mehr Grips, ihr Herren.)

Schwankfiguren grinsen uns an, ewig übelnehmende Onkel, das Wickelkind als Logierbesuch, die heroische Tante; das ganze Gegeneinander, wie es bei Familien nun einmal üblich ist, rollt ab.

Leider wird auch die Schreckenskammer der Schwank-Effekte beherzt ausgeräumt: vom durchgebrochenen Bett — gleich gedoubelt — bis zum Geschäftsdrang eines Steckkissenkindes (Tonfilm – Premiere) wird alles zur Garnierung verwandt.

Mit Konsequenz hat man die Grundidee durchgeführt und damit den Tonfilmschwank geschaffen: Platz ist ebensowenig für Sentimentalitäten, wie für eine logische Durchführung der Einfälle. Die Komik der Situationen geht bis zur Gewalt.

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Es gibt genügend Anlaß zur Heiterkeit, wenn das junge Ehepaar die gesamte Verwandtschaft zu Besuch bekommt. Wer kennt sie nicht aus eigener Erfahrung, und wer freut sich nicht, wenn ihnen zum Schluß die Wahrheit gegeigt wird. (Das macht Charlotte Ander mit reizender Behendigkeit, eine Porzia des Schwanks.)

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Richard Oswalds Bestreben, den Erfolg mit Schauspielern von Rang zu erstreiten, denen Raum zur Entfaltung gelassen wird, ist auch diesmal wieder deutlich wahrnehmbar. Sie alle haben ein Recht darauf, sich vor dem Mikrophon auszuleben: Ralph Arthur Roberts, wie stets der Bringer sicherer Pointen, Felix Bressart in einer lustigen Wandlung vom Schlemihl zur Aktivität, Kurt Lilien, Paul Henckels, die Klarinette Wilhelm Bendows, das sind die Mithelfer, die Mitattentäter des Verwandtschaft-Ueberfalls.

Unsere Adele, die Sandrock, hehr, in entschwundener Pracht, zwingt ihrem majestätischen Organ Tanten-Koloraturen ab. Wer bliebe da ungerührt. Hans Hermann Schaufuß wahrt die Belange der Groteske, mit den Bewegungen seines expressiv gestrichelten Spießers. Weitere, erfreuliche Farbtupfen in der Buntheit: Die blonde Camilla von Hollay, diesmal drastisch, und Gustl Stark-Gstettenbaur, der seine starke schauspielerische Begabung mit erfreulicher Jungensfrische verbindet. Dazu ein Liebespaar von sympathischer Zurückhaltung und erstaunlicher Natürlichkeit. Charlotte Ander, sehr lieb und grazil und Harald Paulsen, endlich frei gespielt, dem Sprechfilm gewonnen. Wie zurückhaltend und dabei sicher in der Dialogführung spielen sie ihre Rollen.

Kein Wunder, daß mit diesem Ensemble Richard Oswald den Optimismus seiner stummen Regieführung auch auf den Tonfilmschwank überträgt. Er geht drauf los, selbst in guter Laune und gute Laune verbreitend. Recht hat er, daß er sich nicht einengen läßt, nicht festlegen auf die dramatische Linie; auch Oswald, das verrückte Karnickel (aber das nächstemal bitte mehr Manuskript-Vorbereitung) ist uns willkommen.

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Besonderes Lob verdient die Unauffälligkeit der Musikuntermalung, die den Dialog durch Unterstreichung des Schwank-Charakters flüssiger macht.

Die Weintraubs Syncopators dudeln, quäken, hämmern Willy Rosens Impromptus ein.

Die technischen Leistungen sind anständiger Durchschnitt. Photographie: Friedl Behn-Grund. Tonkamera: Emil Specht, Architekt Franz Schroedter.

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Mit Geschick entledigt man sich des Vorspannproblems durch eine leicht karikierte Conférence. Ebenso absichtslos und leicht fügt sich der Schluß an.

-d.

Richard-Oswald-Tonfilm, der Atlas-Film-Verleih. G.m.b.H.

Auslandsvertieb: Cinema-Film.

Tonverfahren: System Tobis.

Länge des Films: 2643 Meter, 10 Akte.

Blaue Zensurkarte: Frei für Jugendliche.

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Zu diesem Film wurde ein „Illustrierter Film-Kurier“ in der bekannten Ausführung hergestellt, der von den Theaterbesitzern beim Verlage des „Film-Kurier“ bezogen werden kann.

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