Image Placeholder

Dreyfus (1930)

Gloria-Palast.

Der Fall des französischen Hauptmanns Alfred Dreyfus, der — als Elsässer und Jude bei den Generalstabsoffizieren unbeliebt — Opfer eines Justizmordes wurde und erst nach einem Jahrzehnt des Kampfes seine Rehabilitierung erreichen konnte, ist nunmehr von Richard Oswald zum Film verarbeitet worden.

Ein ausgezeichnetes Thema, mit Wirkungen vieler Art: Politisch, durch die immer wieder aktuellen Kämpfe zwischen Aufklärung und Konservativismus; die stets dankbare Dramatisierung eines begangenen staatlichen Unrechts und das Ringen um die Wiedergutmachung. Dazu die menschliche Seite des Falls, das Unglück schuldlos Verfolgter.

Kein Wunder, daß bereits vor Beginn der ersten Vorstellung am Premierentage sämtliche Karten auch für die beiden Abendvorstellungen ausverkauft waren. Der Fall Dreyfus, eine Vergangenheit, weit genug zurückliegend um die Jüngeren als Staatsaktion von vorgestern zu interessieren, aber noch nicht so weit, um vergessen zu sein, ist auch heute noch attraktiv.

Nach dem triumphalen Erfolg von Theaterstück und Buchpublikation bemächtigt sich der Film des Falls. Das Tribunal wird zur Szenenschau. Und für den Film Dreyfus setzt sich eine ganze Legion von guten Schauspielern ein.

Dieses unerschöpfliche Kraftreservoir schafft zusammen mit dem Stoff den Erfolg, der dem Film in jedem Rein treu bleiben durfte.

*

Ein Bilderbogen in abwechslungsreicher Folge, so rollt der Lebensfilm des Dreyfus ab. Goldberg und Wendhausen, die Autoren, zeigen ihn: als Familienvater, bei der Verhaftung, während der Degradation (Haupt- und Staats-Szene) auf der Teufelsinsel, vor Gericht und endlich bei der Ehrlichmachung.

Das Zwischendurch des Kolorits geben die kurzen Dialoge der Verschworenen; im Tingeltangel, auf der deutschen Botschaft, im Kriegsministerium.

Das Prinzip von Aufbau und dramatischer Steigerung ist durch ein Mosaik an Miniaturszenen ersetzt. So ergibt es ein buntes Bild und erleichtert zugleich, indem es die Effekte dezentralisiert, die Führung der Schauspieler. Gerade durch seine nüchterne Sachlichkeit und durch den Verzicht auf naheliegendes Pathos wirkt der Film so erschütternd.

Richard Oswald — vom Kameramann Friedel Behn-Grund besser unterstützt als vom Tonaufseher H. Grimm — läßt sie alle, die Darsteller, zur vollen Entfaltung kommen. Es ergibt sich eine verwirrende Fülle ausgezeichneter Einzelleistungen. Allen voran Albert Bassermann und Heinrich George.

Heinrich George ist Zola… Menschlich, bis in letzte Einzelheiten ungekünstelt. Er wirkt echt, auch da, wo er als Zitate bekannte Aussprüche zu bringen hat.

Verhaltenheit, Sparsamkeit der Mittel, das sichert diesem George die stärksten Wirkungen. Erst der Sprechfilm hat seine Kräfte frei gemacht, das deutsche Talkie hat keinen zweiten Kerl seines Großformats.

Den Helfer im Streit, Oberst Picquart, gibt Albert Bassermann. Der Grandseigneur der deutschen Sprechbühne hat, mit der Gewinnung des Worts für den Film, die Gelegenheit, den männlichen Charme und die noble Haltung seiner Künstlerpersönlichkeit mit der Eindringlichkeit seiner Sprachgestaltung zu vereinen.

Alfred Dreyfus selbst tritt bot dem Aufgebot seiner Helfer naturgemäß in den Untergrund. Trotzdem gibt ihm Fritz Kortner manchen fein herausgeholten Einzelzug. Allein schon in der Körper-Antithese, mit dem er die Wandlungsstufen aufzeigt: Als Offizier, ahnungslos, ungläubig; ein etwas kurzsichtiger Normalmensch. Dann, in der Deportationszeit, gedunsen, gealtert; hernach, bei der Rehabilitierung von erbitterter Gestrafftheit.

Die andern im Ensemble: Erwin Kaiser, Fritz Kampers, Ferdinand Bonn, Leopold von Ledebur, Paul Bildt, Oscar Homolka, Paul Henkels, Fritz Alberti, sie alle setzen ihr ganzes Können ein. Auch Grete Mosheim tut es als Lucie Dreyfus; ihr war der Tonmixer wenig günstig gesinnt, so wirkt sie in bildhaftem Leiden.

Neu als Sprechspieler, doch ebenso bewährt wie zur stummen Zeit: Fritz Rasp, Ferdinand Hart, Bernhard Goetzke. (Ist’s nicht erst gestern gewesen, daß die neue Kunst des Mikrophonsprechens ihre Ansprüche geltend machte? Und heute schon ist die Beherrschung des Worts, die Tonmeisterung nichts weniger als ein Monopol.)

Die Arbeit der Architekten Franz Schroedter und Hermann Warm ist von ausschlaggebender Bedeutung. Ihre andeutenden Bauten geben Raumstimmung; erst ihre Fähigkeit, kurze Dialogscenen durch den Hintergrund des Bildes in der Charakteristik zu präzisieren unterstützt den Gesamteindruck wesentlich.

*

Der Beginn des Films brachte als Neuerung endlich die an dieser Stelle wiederholt ausgesprochene Anregung: An Stelle des Vorspanns ertönte eine Stimme: „Richard Oswalds Dreyfus.“

Daß diese Ankündigung durchaus genügt, da das Werk ja für sich selbst spricht, bewies der stürmische Beifall am Schluß.

-e-.

*

Herstellung: Richard Oswald Produktion G. m. b. H.

Verleih für Deutschland: Südfilm-A.-G.

Auslandsvertrieb: Cinéma-Filmvertriebs-G. m. b. H., Berlin.

Länge des Films: 3160 Meter, 11 Akte.

Blaue Zensurkarte: Frei für Jugendliche.

*

Zu diesem Film wurde ein „Illustrierter Film-Kurier“ in der bekannten Ausführung hergestellt, der von den Theaterbesitzern beim Verlag des „Film-Kurier“ bezogen werden kann.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *